Tutzinger Seetalk (10): „Das ist eine Zeit der Mutigen!"
Shownotes
Elena Johnston hat Theologie studiert, wollte ins Pfarramt, hat sich aber dann anders entschieden. Heute arbeitet sie in der Baubranche und sagt: Umwege erhöhen die Ortskenntnis, das gilt auch für den Lebensweg. Ehrenamtlich ist sie der Kirche verbunden geblieben. Sie engagiert sie sich im Tutzinger Kirchenvorstand und im Dekanatsausschuss. An die Kirche der Zukunft hat sie konkrete Fragen. Zum Beispiel: Wie kann jeder und jede in der Kirche einen Platz finden? Und könnte man das Kirchengebäude eigentlich auch für Feste nutzen? Im Tutzinger Seetalk erzählt sie aber auch darüber, was sie durch's Leben trägt.
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00:00:00: Ich sehe eine große Chance darin, dass Kirche sich wandeln muss.
00:00:04: Es ist eine Zeit der Mutigen.
00:00:06: Wir merken ja, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben und versuchen es schon ein bisschen entgegenzugehen mit vielleicht auch unterschiedlichen Gottesdienstkonzepten.
00:00:18: Vielleicht muss man den Kirchenraum auch anders sehen?
00:00:20: Also es ist schön, dass man den Kierenraum für Gottesdienste nutzt, für Konzerte nutzt – vielleicht auch für das eine oder andere Kunstprojekt nutzt dass die Kirche offen ist und jeder für sich hineingehen kann, aber vielleicht muss man den Kirchenraum auch anders mitleben füllen tatsächlich.
00:00:44: Im Tutsinger Seetalk sitze ich heute im Jugendraum des Gemeindehauses und neben mir Elena Johnson, die im Kirchenvorstand ist.
00:00:52: Seit einem Jahr hier in Tutsingen vorher aber auch schon viel im Kirchensvorstand mitgearbeitet hat nämlich in München wo sie auch studiert hat und früher gewohnt hat.
00:01:01: Sie ist nämlich erst seit zweieinhalb Jahren hier in tutsing.
00:01:05: und Elena Ich weiß dass du Theologie studiert hast, ist aber nicht abgeschlossen.
00:01:11: Dieses Studium und auch nicht ins Vicariat gegangen bist – so wie ich das jetzt mache auf meinen alten Tage!
00:01:16: Warum hast du dich dagegen entschieden das zu tun?
00:01:19: Also es gibt natürlich viele Gründe die da mit rein spielen.
00:01:23: Einer für mich damals war zu sagen man committet sich ja für sehr viele Jahre seines Lebens mit dem einen Dienstherren muss man bei der Kirche ja sagen.
00:01:34: Und mir sind halt im Studium die einen oder anderen Schwachstellen sozusagen aufgefallen, wo ich sage, damit möchte ich nicht, dreißig-vierzig Jahre je nachdem, wann wir dann in Rente gehen darf mich herumschlagen.
00:01:50: vor fünfzehn Jahren habe ich quasi beschlossen Ich mache das nicht.
00:01:54: Vor zwanzig Jahren hab' ich das Studium begonnen.
00:01:56: viele Bereiche, die heute an der Kirchen angeprangert werden Die waren halt vor zwanzig Jahren auch schon so.
00:02:03: Und ich habe nicht das Gefühl gehabt damals, dass man aktiv dagegen was tut.
00:02:10: Konkret?
00:02:11: Was hätte gemacht werden müssen einen Punkt zum Beispiel der dir damals so wichtig erschienen
00:02:17: ist?
00:02:18: Residenzpflicht ist zum Beispiel so ein Thema.
00:02:21: Das ist nicht mehr dieses gängige Bild, das man heutzutage hat von den Berufsleben.
00:02:25: Dass man wirklich auch vor Ort lebt.
00:02:28: Viele Kollegen haben sich einfach oder Kommilitonen geschäuert davor.
00:02:34: Also die haben gesagt vielleicht würden wir Pfarrer-Pfarrerin werden wollen aber wir möchten nicht direkt neben der Kirche leben?
00:02:39: Zum Beispiel
00:02:40: ja!
00:02:42: Man ist auf dem Präsentierteller und anders kann man es fast nichts sagen.
00:02:46: Man muss sich ja auch mit seinem Privatleben quasi der Gemeinde sich aussetzen.
00:02:53: Das Gleiche gilt hier auch für die Partner, also wenn ich überlege dieses Konzept du hast jetzt einen Pfarrer, der an einer Gemeinde arbeitet, die Pfarrfrau, die am besten noch mit mehreren Kindern zu Hause und kümmert sich quasi als gute Pfarr-Frau hauptsächlich ehrenamtlich um alles drum herum und hält immer den Rücken freites.
00:03:13: entspricht überhaupt nicht der heutigen Zeit.
00:03:16: Und es gibt ja ganz viele Partner, die ein Berufsleben weit außerhalb der Kirche haben – so einen Partner habe ich auch, der hat beruflich mit Kirchen nichts zu tun.
00:03:28: Der hätte aber dann quasi als Fahrmann in dem Fall eine Rolle spielen müssen und ... Das hätte ich ihm gar nicht zumuten wollen.
00:03:37: Also schon gar nicht in dem Ausmaß, indem das ja oft von vor allen Elterngemeinde Mitgliedern, weil man es ja nicht anders kannte erwartet wird.
00:03:45: Und dann hast du gesagt, ich gebe jetzt meinen Theologie-Studium auf und was haste denn dann gemacht?
00:03:51: Ja!
00:03:53: Ich habe ein Lebensmotor, das nennt sich Umwege erhöhen die Ortskenntnis also nicht nur um spazieren gehen sondern auch aufm Lebensweg sozusagen.
00:04:01: Ich hab während dem Studium wie wahrscheinlich die meisten nebenbei gearbeitet.
00:04:07: Irgendwann habe ich gesagt, ich mach das offiziell, hab eine Umschulung zur Industriekauffrau gemacht.
00:04:11: Das war jetzt ein paar Jahre her, so sechs Jahre ungefähr und bin als Einkäuferin im Hochbau.
00:04:18: Davor war ich als Projekt-Kauffrau im Tunnelbau, also mit der gleichen Firma ist es ... Also ich bin irgendwie der Baubranche völlig verfallen sozusagen im kaufmännischer Hinsicht.
00:04:29: Find' ich auch schön weil Man möchte es nicht glauben.
00:04:32: Bauen ist nicht so fern der Kirche an sich, weil man baut ja etwas.
00:04:37: Man erschafft ja etwas und man erschafft im besten Fall eine Infrastruktur die hilft oder einen Raum wo sich Menschen versammeln können und wohlfühlen können.
00:04:50: Darum geht's dir!
00:04:51: Menschen sollen sich versammelt werden.
00:04:53: Mir gehts tatsächlich darum dass jeder Mensch seinen Platz findet.
00:04:58: Also jeder der sich mal irgendwie verloren gefühlt hat in irgendeiner Phase des Lebens, leider bei den meisten Menschen so.
00:05:06: Der weiß wie das ist wenn du irgendwo zwar mitten einem raumvoller Menschen bist aber nicht das Gefühl hast du gehörst dazu.
00:05:14: So erschreckend wie es ist.
00:05:15: ich habe zwei Jahre lang dann hier von Künzburg gewohnt.
00:05:19: da ging's mir so Ich war in der Kirchengemeinde und eigentlich Also nicht von einem Pfarrer.
00:05:25: Der hat mich total aufgenommen und sofort versucht einzugliedern, aber von der Gemeinde selber hatte man das Gefühl, okay, man ist ja die Münchnerin aus der Stadt.
00:05:36: Günstburg ist noch dazu ein ganz anderer Regierungsbezirk.
00:05:39: also es so... Man war irgendwie so außen vor und das fand ich total schade weil gerade in der Kirchengemeinde hätte ich was anderes erwartet.
00:05:47: Weil wenn ich als fremder Mensch da hinkomme erwarte ich dass ich aufgenommen werde und dass ich zumindest die Chance habe, meinen Platz darin zu finden.
00:05:57: Und ich hatte tatsächlich auch ein bisschen Angst als wir in Tutsingen dann also nach Tutsing gezogen sind – auch wenn das jetzt nicht weit weg von München ist und ich jederzeit zu meinem alten Gemeinde einfach hätte gehen können – weil Will ja bei der Gemeinde vor Ort irgendwie seinen Platz haben.
00:06:11: Die ersten Male, als ich in den Gottesdiskiet gegangen bin, hab ich schon gedacht okay, komisch... Ich kenne das aus München tatsächlich anders, da werden fremde Menschen direkt angesprochen.
00:06:22: So oh hallo schön dich zu sehen wer bist du?
00:06:24: und so kann manche Leute auch verschrecken gebe ich gerne zu.
00:06:27: aber dass es trotzdem wenn man fremd ist und das Gefühl hat wie finde ich jetzt Anschluss eigentlich das bessere.
00:06:33: mir ging es ihn trotzdem Gott sei Dank nicht ganz zu wie in Günstburg.
00:06:36: also man trifft irgendwie nach zwei drei mal Gottesdienst Sonntags Gottesdienste kommen dann doch die Person die sagt wer bist Du eigentlich?
00:06:47: Ich habe im Tod singt sehr schnell meinen Platz gefunden.
00:06:49: Aber deswegen ist mir das so ein Anliegen, dass halt auch andere Leute die vielleicht nicht so kirchenaffin sind ihren Platz
00:06:57: finden.".
00:06:58: Und jetzt engagierst du dich in diesem Kirchenvorstand und bist sozusagen auch die Beauftragte für die sozialen Medien?
00:07:04: Und hast den Insta-Account unter deiner Ägide?
00:07:07: Insofern bist du ja der Kirche schon treu geblieben auf deine Art!
00:07:11: Ja, doch.
00:07:13: Ich habe auch die prädikanten Ausbildung gemacht tatsächlich also aus.
00:07:16: Bildung ist vielleicht ein hochtrabendes Wort für das dass man dann ja glaube ich nur noch drei Wochenenden so ein bisschen Liturgie macht weil den theologischen Aspekt hatte man ja studiert.
00:07:26: mir war es wichtig dass sich nicht Das was ich mal gelernt habe einfach verkommen lasse sozusagen und der teil hat mehr auch immer Spaß gemacht.
00:07:34: also Theologie an sich finde ich ja unglaublich bereichernd wenn man nicht mit dem Aspekt hingeht, dass man damit an Glauben gewinnt.
00:07:43: Weil es ja eigentlich eine Wissenschaft ist und viele das dann durchaus vergessen.
00:07:48: Also ich setze mich wahnsinnig gerne mit der Bibel auseinander und ich setz mich wahnsinnig gern auch den ganzen geschichtlichen Hintergrund auseinander und vermittle das auch gerne.
00:07:58: deswegen habe ich die Prädikantenausbildung gemacht.
00:08:01: Und was man sonst so an Seelsorge und Ethik und dergleichen im Studium lernt Das sehe ich halt eigentlich als Auftrag, praktisch in die Gemeinschaft zu bringen.
00:08:11: Und welche Rolle spielt Gott?
00:08:13: Das ist eine sehr spannende Frage tatsächlich.
00:08:15: Ich dachte immer es wandelt sich vielleicht im Laufe des Lebens.
00:08:19: Ähm ... Ich habe einen sehr katholischen Hintergrund.
00:08:24: Also ich war an einem katholschen Kindergarten und auf einer Jesuiten-Grundschule und bei Maria Bart auf dem Gymnasium.
00:08:30: also da war ja sozusagen Religion und Gott immer so mit drinnen.
00:08:37: Ich habe als Kindergartenkind ein Erlebnis gehabt in der Kirche, der Parer hat uns regelmäßig mit in die Kirche genommen und hatte so ein bisschen Geschichten erzählt und das hat mich als Kind wahnsinnig fasziniert.
00:08:51: Und ich hatte immer das Gefühl dass quasi da jemand dabei ist.
00:08:55: also für mich war Jesus und meinem Kinderkopf war das Jesus immer dabei immer ein Teil davon.
00:09:04: Und irgendwie hat mich diese Vorstellung, dieses Gefühl immer getragen und das hat sich so blöd wie das klingt auch mit all dem was man im wachsenden Leben immer wieder so leider an Hürden hat nie verändert.
00:09:15: ich habe immer das Gefühl gehabt da ist jemand der geht mit mir diesen Weg.
00:09:20: Das sind schöne Worte und das finde ich macht sehr viel Mut.
00:09:23: Und wenn ich dir zuhöre, habe ich den Eindruck dass auch der Weg ein guter Weg war, diese Entscheidung die Theologie fallen zu lassen und jetzt in Sachen Hochbau an etwas zu arbeiten, etwas zu bauen.
00:09:36: Du wirkst auf mich wie jemand der das alles gut nehmen kann oder bist du manchmal traurig, dass du das Theologiestudium fallen hast lassen?
00:09:44: Ich komme immer wieder zu der Kenntnis, ich bereue es eigentlich nicht.
00:09:47: Und wie siehst du die Kirche in zehn, zwanzig Jahren?
00:09:51: Ich muss sagen anders als jetzt!
00:09:54: Ich habe Zwangsläufig bei jeder der sich im Kirchen vorstand und ich bin ja auch im Dekanatsausschuss also ein bisschen so mit den Strukturen und der Verwaltung auseinandersetzt weiß ja was an Prozessen läuft im Hintergrund.
00:10:09: Ich sehe eine große Chance darin tatsächlich dass Kirche sich wandeln muss.
00:10:13: Ich finde, das ist eine Zeit der Mutigen.
00:10:15: Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn man sich auch aufgrund von sinkender Mitgliederzahlen ein bisschen auf den Ursprung zurückbesillen muss ...
00:10:23: Welcher ist?
00:10:24: Der?
00:10:25: die Ursprungsgemeinde war ja eine ganz andere als wir sie jetzt haben.
00:10:29: Das tatsächlich vielleicht auch ein bisschen offener im Sinne von Es kommt jeder und bringt seinen Teil mit!
00:10:36: Wir merken ja dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben Versucht es ja schon ein bisschen entgegenzugehen mit vielleicht auch unterschiedlichen Gottesdienstkonzepten.
00:10:48: Ich glaube, das ist einfach noch nicht weit genug gegangen tatsächlich!
00:10:52: Vielleicht muss man den Kirchenraum auch anders sehen.
00:10:54: Also es ist schön, dass man den Kierenraum für Gottesdienste nutzt, für Konzerte nutzt vielleicht auch für das eine oder andere Kunstprojekt nutzt Dass die Kirche offen ist und jeder für sich hineingehen kann.
00:11:05: aber vielleicht muss man dem Kirchenraum auch anders mit leben füllen tatsächlich
00:11:10: Mit Kunst zum Beispiel?
00:11:12: Mit Kunst zB Aber vielleicht auch mit Veranstaltungen.
00:11:16: also Es gibt ja doch auch einige die tatsächlich ihre Feste in der Kirche selber feiern.
00:11:23: Also nicht im Gemeindehaus, sondern im Kirchenraum selber!
00:11:27: Der Kirchenraum wird von vielen glaube ich von außen wahrgenommen als ein Gebäude, in dem halt Sonntags Gottesdienst gefeiert wird und das war es.
00:11:35: Und dass eigentlich Kirche gedacht war, als einen Raum, in den Menschen sich begegnen und über Gott sprechen und ihren Glauben leben dürfen... Das geht ein bisschen verloren.
00:11:46: und ich finde warum diese strikte Trennung war so?
00:11:49: Der Johannes Habdank, der Pfarrer in Berg hat ja tatsächlich gar keine Kirche.
00:11:53: Sondern sein Gemeinderhaus ist Kirche und Gemeindehaus in einem.
00:11:56: Insofern das geht tatsächlich gut!
00:11:58: Aber wenn ich dich recht verstehe möchtest du ein bisschen die Kirche dieser Heiligkeit nehmen?
00:12:02: Du möchtes sie niederschwelliger benutzen einfach als Ort indem es uns gut gehen darf.
00:12:07: Ja, also mir ist hier aufgefallen.
00:12:09: Das sind gerade in Tutsing.
00:12:11: viele sagen ja das sind ja die Kirche da oben auf dem Berg weil tatsächlich die evangelische Kirche höher liegt als die katholische Kirch zum Beispiel weswegen sie gefühlt unerreichbarer ist so blöd wie es klingt.
00:12:23: Das macht das Ganze noch schlimmer, weil ja diese Heiligkeit die vielen zugesprochen wird.
00:12:29: Also viele sehen halt Kirche als ein Raum wo du reingehst, Gottesdienst gefeiert wird.
00:12:34: vielleicht geht da eine oder andere noch zwischendrin zum Kerze anzunden rein und es war's aber dass Kirche viel mehr ist im wahrsten Sinne des Wortes.
00:12:41: also nicht nur das Gebäude sondern auch die Institutionen.
00:12:45: das sehen viele nicht, weil sie vielleicht hat so einen imaginären heiligen Schein wo sich keiner traut zu sagen Man kann auch das ganz anders nutzen.
00:12:55: Und den Leuten noch zu zeigen, dass halt da komme ich wieder zum Anliegen, dass jeder einen Platz in dieser Gemeinschaft findet wenn er diesen haben möchte und sich einbringen darf mit all dem was ihn ausmacht.
00:13:11: Jeder bringt etwas mit!
00:13:13: Das kann durchaus wertvoll sein.
00:13:18: Danke an Elena Johnson.
00:13:19: Hier im Tutsinger Seetalk war sie zu Gast, Sie ist Mitglied im Kirchenvorstand in der Gemeinde Tutsing.
00:13:26: Schön, dass Sie uns zugehört haben und seien Sie gerne auch nächsten Sonntag wieder dabei!
00:13:31: Und ich freue mich natürlich auch wenn Sie den Tutsingers Seetork abonnieren bei Spotify, bei Apple Podcasts oder auch bei Prodigy.
00:13:39: Bis nächsten Sonnentag also haben Sie es
00:13:42: gut!
00:13:43: Ein Podcast mit
00:13:47: Vicarin
00:13:48: Anke Schäfer.
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