Tutzinger Seetalk (11): „Die Kirche wird kleiner aber bewusster werden!“

Shownotes

UllaMariam Hoffmann ist eine Frau mit zwei Berufungen. Sie ist Missions-Benediktinerin und Oberärztin auf der Palliativstation im Tutzinger Krankenhaus. Sie war im Leben schon früh mit Krankheit konfrontiert und begleitet heute Menschen in der letzten Lebensphase. Sie sagt, alle Mitarbeiter*innen auf der Palliativstation haben „den Hauch einer Ahnung, dass das Leben hier auf Erden nicht das einzig und allein gültige ist“. Um ihre Arbeit zu tun, helfen ihr die Stundengebete und auch die Psalmen. Und was die Zukunft der Kirche betrifft, sagt sie: „Die Kirche wird kleiner und bewusster werden, ich bin mir sicher, dass es völlig anders weitergehen wird, als in der Vergangenheit.“

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00:00:00: Ich bin keine Prophetin, was die Kirche angeht.

00:00:03: Sie wird kleiner werden, aber sie wird bewusster werden und bewustere Entscheidungen geben.

00:00:09: Aber ich erlebe auch sehr viel Suchen in der Gesellschaft.

00:00:14: Ich bin mir sicher, dass es völlig anders weitergehen wird als in der

00:00:18: Vergangenheit.".

00:00:20: Tutsinger Seetalk rund um die Christuskirche – ein Podcast mit Vikarin Anke Schäfer.

00:00:28: In dieser neuen Episode des Tutsinger Seetalks bin ich im Multifunktionsraum des Tutzinger Krankenhauses.

00:00:36: Das Krankenhaus wurde früher getragen von den Missions Benediktinerinnen, jetzt ist es die Firma Atemät, die hier der Träger ist und die Oberärztin in der Palliativstation.

00:00:47: das ist Schwester Dr.

00:00:48: Ulla-Mariam Hoffmann Und sie hat mir drei Wochen lang als Vicarin gezeigt wie das gehen kann, palliativ Medizin.

00:00:57: Hallo, Frau Dr.

00:00:58: Hoffmann!

00:00:58: Guten Morgen!

00:01:00: Ich durfte hier mitarbeiten und habe gelernt das Sterben was ganz Natürliches ist.

00:01:06: Ist es für Sie schon immer klar gewesen?

00:01:08: Zumindest kann ich sagen dass ich mich sehr früh mit Leben und Sterben auseinander gesetzt hab.

00:01:14: Als ich zehn Jahre alt war hatte meine Großmutter einen Schlaganfall Und ich durfte sie begleiten wie man das als zehnjährige Halt konnte, aber so mit elf, zwölf habe ich auch angefangen sie zu duschen und zu waschen.

00:01:30: Und zu begleiten.

00:01:31: von daher war Umgang mit kranken Menschen für mich schon sehr frühen Thema.

00:01:36: Ich selber war auch als Kind viel krank Auch meinem Bruder.

00:01:40: Von daher war das immer Thema.

00:01:42: Mit dreizehn hatte ich dann einen schweren Verkehrsunfall und Für mich war die Frage warum hab ich überlebt?

00:01:48: Von daher War das schon immer ein Teil meines Lebens ja.

00:01:53: Und als Sie damals sich gefragt haben, warum habe ich überlebt?

00:01:55: Haben sie da auch ein Stück weit gedacht.

00:01:56: Ich hab auch überlebet um ein bisschen was von dem Überleben weiterzugeben oder vom Leben und der Weisheit weiter zu geben die durch so schwierige Phasen des Lebens zu einemkommen?

00:02:08: Ich glaube das hat sich erst über die nächsten zwanzig Jahre so entwickelt.

00:02:12: Das war mir anfangs nicht klar.

00:02:14: Es war über viele Jahre einfach nur eine Frage, die ich mitgetragen habe

00:02:18: Wann haben Sie dann entschieden, Missions Benediktinerin zu werden?

00:02:22: Auch das war ein ganzes Stück Weg, so mit... ...und achtzehn neunzehn habe ich mich entschieden, dass sich in einen Closter gehen will.

00:02:30: Aber ich wusste natürlich lange nicht wohin.

00:02:34: Ich hab da nineteen hundertsehneundachzig die Missions Benediktinerinnen kennengelernt und bin nach abgeschlossenem Studium und gut zweieinhalb Jahren Berufserfahrung hier bei den Schwestern eingetreten.

00:02:48: Und Sie wussten sie würden weiterhin oder als Ärztin arbeiten?

00:02:52: Das weiß man nie so genau, wo ein der liebe Gott und die Gemeinschaft hinführt.

00:02:56: Aber die Idee hatte ich schon allerdings ... dachte ich, dass ich wie meine Mitschwestern vor mir alle irgendwo in der Mission eintreten.

00:03:06: Ich hatte in Truppenmedizin promoviert, hatte die Zusatzbezeichnung Infektiologie noch nicht in der Tasche aber auf dem Schirm.

00:03:16: Und das es dann palliativ Medizin geworden ist war ein Stück weit auch für mich eine der Überraschungen vom Liebengott.

00:03:24: Der Sie sich aber gestellt haben dieser Überrasche?

00:03:27: Ja, als ich nach einem Arbeitseinsatz von vierzehn Monaten in Tansania zurückkam gab es in den Beneluxländern die Entscheidung zu assistieren Suizid und Euthanasie.

00:03:41: Und ich habe mich damals gefragt wie kann's sein dass man In der reichsten Ecke dieses Globus auf das Leid der Menschen keine andere Antwort hat, als die Leidenden zu beseitigen.

00:03:54: Jetzt mal ganz krass formuliert gibt es nicht auch was anderen?

00:03:57: und auf der Suche bin ich auf die Palliativmedizin gestoßen und dachte mir Naja, entweder ich gehe nach Afrika, nach Tanzania zurück um mich dort einzusetzen und dann auch an Gesundheitsstrukturen nochmal bewusst mitzuarbeiten oder ich setze mich in der Palliativmedizin ein.

00:04:16: Und das ist es dann geworden!

00:04:18: Und ich durfte ja lernen, dass hier wirklich ein multiprofessionelles Team am Werk ist.

00:04:23: Also sie als Ärztin aber es ist auch eine Physiotherapeutin im Team Es ist auch ne Sozialarbeiterin im team die guckt wie kann auch eine häusliche Pflege zum Beispiel organisiert werden?

00:04:32: Ist das eine Herausforderung so einen multiprofoniales Team für ein Ziel zu begeistern?

00:04:37: Ich glaube es ist der einzige Weg wie man sowas machen kann.

00:04:41: alleine glaube ich gäbe es nur eine bayerische Alternative als Wolpertinger.

00:04:46: Aber Bei menschlichen Begrenztheiten, glaube ich, geht es nur mit dem Team.

00:04:51: Und ja die Menschen müssen dafür brennen aber im Team ist das gar nicht so schwierig dass man dafür Feuer fängt.

00:04:57: und wenn man sieht wie sehr man Leben unterstützen und auch in schwersten Situationen wieder Sinn finden kann dann gibt einem selber so viel Kraft, dass man das gut im Team machen kann.

00:05:14: Und alle, die hier arbeiten so habe ich zumindest den Eindruck, haben ein gewisses Gefühl was es bedeutet zu sterben und was danach kommen könnte.

00:05:21: Ich glaube niemand hier denkt das danach Schluss ist.

00:05:25: Ehrlicherweise verbalisieren wird das nie so explizit aber ich gebe Ihnen recht!

00:05:30: Ich glaube da ist ja so einen Feeling, so einen Vibe dass wir alles so einen Hauch eine Ahnung haben, dass das Leben auf Erden nicht das einzig und allein Gültige ist.

00:05:45: Gibt Ihnen in Ihrer Arbeit hier der Glaube und das Leben drüben im Kloster, was ja hier wirklich zehn Meter von dem Raum ist, indem wir jetzt im Moment sitzen?

00:05:56: Kraft?

00:05:57: Das gibt mir ganz sicher Kraft.

00:05:58: also gerade das Getragensein im Stundengebet die Not von Menschen in den Psalmen immer schon vorformuliert zu finden und mich da wieder einzuschwingen ohne dass ich selber immer neu nach Worten suchen muss, ist sicher was mich sehr trägt und wo ich einfach auch die Menschen, die hier begleiten darf mitnehmen kann.

00:06:21: Ohne das es jetzt eine bewusste Entscheidung jedes Mal ist.

00:06:25: Von daher ist für mich eine Einheit, die mir definitiv Kraft gibt, dass es darüber hinaus eine Geborgenheit gibt, die unserem Lebenssinn

00:06:35: gibt.".

00:06:37: Werden Sie denn als Ärztin wahrgenommen oder eher als Schwester?

00:06:40: Sie sind ja in der Tracht, Schwestern-Tracht hier.

00:06:43: Also sie haben jetzt den weißen Schleier an und das weiße Habit sagt man so.

00:06:48: Ja ich würde jetzt Ordenskleid sagen, in dem Fall weil es einfach ein Arbeitskleid ist aber wenn das ganze dann das Ordensgleid im Kloster ist, dann ist es auch Habit.

00:06:58: Das ist korrekt!

00:07:00: Es ist sehr unterschiedlich wie ich wahrgenommen werde Wobei ich nach über zwanzig Jahren jetzt hier in der Tätigkeit schon auch ein bisschen vertraut bin und die Irritation meistens nicht mehr ist.

00:07:13: Das war als junge Ordenschwester und Ärztin sehr viel komplizierter, wo jede Frau egal ob Ordenschweste oder nicht erst mal Krankenschweste war und jeder Mann egal ob Zivi- oder Arzt immer gleich der Arzt.

00:07:28: Aber das hat sich sehr verändert.

00:07:30: Ich stelle mich aber auch inzwischen einfach den Patienten und Angehörigen eindeutig vor, weil ich glaube ... Sie brauchen die Sicherheit.

00:07:40: Dass sie wissen wer vor ihnen ist, in welcher Rolle ein Mensch vor ihnen isst.

00:07:45: Und dann gibt's die Situation wo das Ordenskleid und damit meine zweite Berufung eine Tür öffnet.

00:07:53: Aber wenn verletzende Erfahrungen da sind kann es auch die Türen verschließen und dass sehr schwierig machen dass eine Begleitung möglich ist und dann gilt es die Wunden der Menschen auch zu respektieren.

00:08:07: Ist das schon passiert, was jemand gesagt hat?

00:08:09: Also wenn ich das gewusst hätte sozusagen hätte ich ein anderes Krankenhaus gewählt, was nicht kirchlich geprägt

00:08:15: ist.

00:08:16: So deutlich sicher nicht!

00:08:18: Es geht auch glaube ich weniger um die kirchliche Prägung sondern um traumatisierende Erfahrungen in der Kindheit, in Ordensgeführten Schulen, Weisenhäusern und so weiter.

00:08:31: Und da gilt es in großem Respekt damit umzugehen und das aber auch soweit abzufragen, damit überhaupt eine Kommunikation möglich ist.

00:08:44: Wenn Patienten Patientinnen positiv reagieren kann das dann auch manchmal sein?

00:08:48: Dass nach der Visite sie gebeten werden gemeinsam dass man ein Gebet spricht

00:08:53: Das gibt's Das gibt es auch häufig mit Angehörigen oder wenn jemand verstirbt.

00:09:00: Insgesamt ist das glaube ich selten, was häufiger ist ein Gespräch über den tieferen Sinn wo dann der Glauben auch drin aufblitzt aber eher so als geteiltes Suchgespräch als vorgefertigte Antworten.

00:09:20: Aber dadurch, dass Sie schon so viele Gespräche geführt haben sind sie einfach Experten für Gespräche mit Menschen am Lebensende.

00:09:28: Was geben Sie denen mit?

00:09:30: Ich habe nichts Fertiges vorgefertigtes.

00:09:33: Das entsteht in der Begegnung im Dazwischen und im Vertrauen drauf das der Heilige Geist dann auch die Lücke füllt um die richtigen Worte und das Richtige hin und her zwischen uns entstehen lässt.

00:09:47: Wenn man drüben in Ihrem Arbeitszimmer ist, dann sind da ja Bilder von ganz viel Licht.

00:09:52: Das hat mich sehr beeindruckt als ich es erst einmal bei Ihnen mich vorstellen durfte und da hatte schon das Gefühl, dass sie ihr Arbeitszimmersolicht vollgestaltet haben.

00:10:01: Auch das ist keine bewusste Gestaltung sondern das sind alles Geschenke von Menschen die mir im Laufe der letzten twenty-fünf Jahre hier begegnet sind Und wo es mir einfach darum ging, diese Begegnung wertzuschätzen.

00:10:18: Deshalb stehen die alle da und sind aufgehängt.

00:10:22: Die Begleitung von Menschen innen und vielleicht ein Stück weit durch den Tod hindurch hat auch die lichtvolle Seite aber das ist nicht immer rosarot.

00:10:32: Es ist oft sehr schmerzhaft.

00:10:35: Das gilt es nicht schön zu reden, sondern in der Schwere zu akzeptieren.

00:10:40: Sonst glaube ich wird man dem was die Menschen er und durchleben auch nicht gerecht

00:10:46: Wenn man die Teamsitzung hier miterleben darf, was ich ja durfte.

00:10:49: in der Lehrzeit ist tatsächlich klar welche Diagnosen hier auch verhandelt werden und was für langjährige Leidensgeschichten hier sozusagen am Tisch diskutiert werden.

00:11:01: Und da ist natürlich die Frage wie schafft man das über Jahre?

00:11:05: In der Tat diese doch auch traurigen Momente so aneinander gereit durchzuhalten?

00:11:10: Ich glaube einfach in der Beziehung und in der begegnung der Menschen, die einem dann die Kraft gibt.

00:11:17: Und wenn man mich fragt ob das nicht sehr schwer ist, dann sage ich immer es ist nicht schwer!

00:11:22: Es ist wahnsinnig intensiv und die Intensität glaub' ich braucht einen Ausgleich.

00:11:28: und da ist das erst angesprochene Gebet aber auch Schweigen und Natur sicher ein Ausgreich dem man wirklich pflegen muss weil von alleine geschieht's nicht.

00:11:38: Dann und wann durch den Waldstreifen, solange die Seele das will?

00:11:42: Oder mit dem Fahrrad so lang gegen Süden radeln bis die Kraft um die Batterie leer ist.

00:11:49: Der Tutsinger Seetorch will auch ein bisschen fragen wie stellen wir uns die Kirche in zehn, zwanzig Jahren vor?

00:11:54: Sie sind Ordensschwester Und ich weiß dass die Diktinerinnen, die Missions-BenediktinerInnen in Tutsingen nur zwei Novitzinnen haben wenn ich recht informiert bin.

00:12:03: Ich glaube die Gesellschaft wird bunter werden Aber ich bin keine Prophetin, was die Kirche angeht.

00:12:10: Ich glaube sie wird kleiner werden aber sie wird bewusster werden es wird bewustere Entscheidungen geben.

00:12:18: Ich erlebe aber auch sehr viel Suchen in der Gesellschaft so dass sich mir auch vorstellen kann das sich wieder ändert.

00:12:25: aber die Zeiten glaube ich liegen beim lieben Gott und wir werden sehen wohin sich das bewegt.

00:12:32: Das heißt Sie machen sich keine Sorgen.

00:12:34: Ich mache mir keine Sorgen, weil ich glaube irgendwie wird es gehen.

00:12:39: Aber ich bin mir ganz sicher das es völlig anders weitergehen wird als in der Vergangenheit.

00:12:44: Ganz vielen Dank für dieses Gespräch an Frau Dr.

00:12:47: Hoffmann hier in der Palliativstation im Thurzinger Krankenhaus.

00:12:51: Vielen Dank!

00:12:51: Das hat mir Spaß gemacht.

00:12:55: Freue mich, dass Sie uns zugehört haben in dieser Episode des Tutsinger Seetalks.

00:13:00: Nächste Woche erzähle ich wie das so ist wenn man das singen lernt als Vikaarin auf dem Weg ins Fahramt.

00:13:09: Das ist für mich eine ziemliche Herausforderung aber ich habe eine sehr gute Gesangstlehrerin Brigitte Ginzel nämlich.

00:13:15: Seien sie wieder dabei und wenn sie mögen abonnieren sie diesen Tutsingers Seetork Podcast bei Spotify oder Apple Podcasts oder bei Podigy.

00:13:25: Bis nächsten Sonntag also, haben Sie's

00:13:34: gut!

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